Jahresbrief 2020

Von März bis Mai befand sich auch Rumänien im Ausnahmezustand. Die Leute durften sich nur noch mit speziellen Genehmigungen auf der Strasse bewegen und es mussten viele Polizei-Kontrollpunkte passiert werden. Für das Kinderheim stellte es eine grosse Herausforderung dar, mit dem vorhandenen Personal zwölf Kinder einzeln zu beschulen. Von den verschiedenen Lehrern traf eine Flut von Mails mit den zu lösenden Hausaufgaben ein. Das Personal wurde unter eine vorsorgliche Quarantäne gestellt. Das bedeutet, dass die Angestellten in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Diese mussten jeweils zwei Wochen am Stück arbeiten, und sie durften abends nicht nach Hause. Dabei galt es, die Kinder auch nach dem Homeschooling bei Laune zu halten. Es wurden viele Spiele erfunden, die man gemeinsam im grossen Garten spielen kann. So wurde beispielsweise das Gelände ums Haus kartografiert und der Sonnenstand und die Schattenwürfe beobachtet. Natürlich wurde auch Trampolin gesprungen, Velo gefahren sowie viel im Sand gebuddelt. Die wachsende Zahl von Häschen erfreute sich besonders vieler Streicheleinheiten und auch die zwei geretteten jungen Kätzchen wurden kaum mehr aus der Hand gegeben. Alle gewöhnten sich schnell daran, Masken zu tragen und sich bei einem eigens dafür komponierten Lied mehrmals täglich die Hände zu waschen.

Während der dreimonatigen Sommerferien legten wir viel Wert darauf, dass die Kinder den Sommer so unbeschwert wie möglich geniessen konnten. Wir durften wieder Velotouren machen und die älteren Kinder unternahmen, in kleine Gruppen unterteilt, Ausflüge ans Meer. Didi bot den Jugendlichen an, sie für ein paar Tage einzeln in Bukarest zu besuchen. Dies ermöglichte ihnen, einmal die ganze Aufmerksamkeit einer erwachsenen Person für sich alleine zu haben und es bot eine willkommene Abwechslung zum Heimalltag. Zudem sollte mit der Reise von Panatau in die Stadt die Selbständigkeit gefördert werden.

Leider gab es kürzlich in unserem Bezirk in einem Altersheim sowie in einem Heim für Kinder mit Beeinträchtigungen Corona-Herde, weswegen wir ein zweites Mal in vorsorgliche Quarantäne gesteckt wurden. Das war für alle eine besonders schwere Zeit.

Im letzten Jahresbrief haben wir erwähnt, dass das Heim mit elf Kindern ausgelastet ist. Trotzdem haben wir im Sommer die 12-jährige Cristina bei uns aufgenommen. Sie ist das älteste von fünf Geschwister, und sie hat wie alle Kinder bei uns starke Vernachlässigung, aber auch Missbrauch erlebt. Bevor sie zu uns stiess, war sie in einer Notfallstation untergebracht, wo sie während des Lockdowns das Gebäude nicht verlassen durfte. Sie hat sich sehr über die Bewegungsfreiheit im grossen Garten gefreut.

Wir würden Ihnen an dieser Stelle gerne über alle Kinder berichten, aber das ist leider nicht möglich. Wir beschränken uns deshalb auf ein paar kurze Informationen. Gabi und Georgina haben in der Schule in kurzer Zeit erfreuliche Fortschritte gemacht. Alex und seine Schwester Andrea besuchen regelmässig den Logopädie-Unterricht. Auch bei ihnen kann man eine grosse Entwicklung in den sprachlichen Fertigkeiten beobachten. Ihre Schwester Nicoletta hat die nötigen Zahnoperationen erhalten, und sie ist nun überglücklich, «fast normale Zähne» zu haben. Nicu und Dani geniessen ihr neues Hobby Fussball in vollen Zügen – sofern sie aufgrund der besonderen Umstände in der Gruppe spielen dürfen. Es gibt aber auch eine traurige Nachricht. Der Vater von Nicu und Gabi ist wegen eines unbehandelten Beinbruchs, der zu Wundbrand führte, gestorben. Die beiden haben aufgrund der schwerwiegenden Vernachlässigung durch die Eltern bereits zwei Geschwister verloren (vgl. Jahresbrief 2018). 

Zum Abschluss soll hier aber noch eine schöne Rückmeldung erfolgen. Eine ausserordentliche Spende ermöglichte uns, einen Raum mit drei Computern auszurüsten. Auf diese haben wir kindgerechte Spiele und Programme installiert, sodass die Kids nicht nur spielerisch tolle Lernerfahrungen machen können, sondern die Älteren auch lernen, wie man eine E-Mail schreibt und im Internet Nachforschungen betreibt. Das Interesse daran ist sehr gross.

Einmal mehr bedanken wir uns also sehr herzlich für Ihre treue Unterstützung! Dank dieser können die Kinder ihre Kindheit zurückerobern, und sie werden bei der Heilung ihrer Traumata unterstützt. Sie helfen uns dabei, die Ressourcen der Kinder zu fördern und ihnen eine echte Chance für die Zukunft zu bieten.